Beitragsfoto: Johanna Brunsing
Verwirklichungschancen und soziale Sicherheit
Fachkonferenz am 18.-19. Juni 2026, Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS)
Am 18. und 19. Juni 2026 fand am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) die Fachkonferenz „Capabilities and Social Policy“ im Rahmen des Verbundprojekts „Schriftenreihe Vordenker der liberalen Moderne“ statt. Die Konferenz diente der inhaltlichen Vorbereitung des Bandes zum Werk des Ökonomen und Philosophen Amartya Sen und knüpfte an die im Verbundprojekt angelegte Idee an, zentrale Denkerinnen und Denker der liberalen Moderne in interdisziplinären Formaten neu zu erschließen und für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Im Zentrum der zwei intensiven Tage stand die Frage, wie Sens weit gespanntes Werk zu Freiheit, Gerechtigkeit, Entwicklung, Sozialpolitik, Demokratie und Menschenrechten in einem wissenschaftlich fundierten und zugleich allgemein zugänglichen Band dargestellt werden kann. Inhaltlich verband die Konferenz die Diskussion zentraler Texte mit der Überprüfung des bisherigen Bandkonzepts und der Auswahl geeigneter Textausschnitte.
Eine besondere Grundlage der Diskussionen bildete ein ausführliches Interview, das der Band-Mitherausgeber Malte Dold (Pomona College) und sein New Yorker Kollege Sanjay Reddy (The New School for Social Research) im Dezember 2025 mit Amartya Sen in Cambridge, Massachusetts, führen konnten. Dass ein solches Gespräch mit dem damals 92-jährigen Sen zustande kam, ist für das Bandprojekt ein besonderes Geschenk. Das Interview wird in bearbeiteter und übersetzter Form im geplanten Band veröffentlicht werden.
Der erste Konferenztag begann mit einer Einführung in das Gesamtprojekt sowie in die Zielsetzung des Bandes „Verwirklichungschancen und soziale Sicherheit“. Daran schloss die Vorstellung zentraler Themen aus dem Interview durch Malte Dold an, die Sanjay Reddy ergänzte. Der Philosoph Deen K. Chatterjee (University of Utah), der die gleiche experimentell-progressive, von Rabindranath Tagore gegründete Schule in Bengalen besuchte wie Sen, vertiefte anschließend die Frage nach Sens Verhältnis zum Liberalismus und zur liberalen Moderne.
Diese Frage bildete einen wichtigen Bezugspunkt der gesamten Konferenz. Sens Werk weist deutliche Verbindungen zu liberalen Grundgedanken auf: zur Bedeutung individueller Freiheit, zur Toleranz gegenüber abweichenden Auffassungen, zur öffentlichen Diskussion und zur Begrenzung von Macht. Zugleich lässt sich Sen nicht ohne Weiteres einer bestimmten liberalen Schule zuordnen, zumal er selbst den Begriff des Liberalismus nicht als Selbstbezeichnung verwendet. So grenzt er sich insbesondere von einem Verständnis ab, das Liberalismus auf freie Märkte, Privateigentum und einen zurückhaltenden Staat reduziert.
Auch der Begriff der Moderne ist bei Sen nicht auf eine westliche Ideengeschichte begrenzt. Vorstellungen von öffentlicher Vernunft, Toleranz und Menschenrechten haben für ihn unterschiedliche historische und kulturelle Ursprünge, die ausdrücklich nicht auf die ‚westliche Welt‘ beschränkt sind. Soweit Sen als Vordenker der liberalen Moderne verstanden werden kann, muss sein Liberalismus daher global und pluralistisch gefasst werden. Dazu passt auch der Titel seiner Erinnerungen, „Zuhause in der Welt“. Für die gesamte Schriftenreihe ist diese geweitete Perspektive wichtig, weil sie ausdrücklich kein allein vom europäischen Denken geprägtes Bild des Liberalismus vermitteln will.
Ein weiterer Schwerpunkt des ersten Tages lag auf Sens Freiheitsbegriff. Christian Neuhäuser diskutierte die freundschaftliche Kontroverse zwischen Sen und Philip Pettit, einem weiteren Vordenker aus der Schriftenreihe, über unterschiedliche Konzeptionen von Freiheit. Robert Sugden untersuchte das Verhältnis individueller Freiheit zu gesellschaftlichen Bewertungsmaßstäben in der Sozialwahltheorie und der verhaltenswissenschaftlichen Wohlfahrtsökonomik. Seine deutlich erkennbare Reibung mit Sens Werk in diesem Gebiet regte in besonderer Weise zu Diskussionen an.
Am zweiten Tag wurden die Themen Pluralismus, Liberalismus, kollektive Fähigkeiten, das Verhältnis von Macht und Rationalität sowie Armutsbekämpfung behandelt und weiter vertieft. Beiträge von Akshath Jitendranath (Purdue University), Lawrence Hamilton (University of Cambridge & University of the Witwatersrand) und Judith Favereau (Université Lumière Lyon 2) führten insbesondere zu der Frage, wie individuelle Handlungsmöglichkeiten durch gesellschaftliche Bedingungen, kollektive Prozesse und bestehende Machtverhältnisse geprägt werden. Gerade ihre Beiträge schärften noch einmal den Blick für Akzente, die in der vorläufigen Gliederung des Sammelbands noch zu wenig betont wurden. So wird sicherlich die praktische Freiheit noch stärker in den Mittelpunkt des Buchs rücken. Entscheidend ist bei Sen nicht allein, über welche Rechte oder Ressourcen Menschen formal verfügen, sondern welche tatsächlichen Möglichkeiten sie besitzen, ihr Leben nach eigenen Gründen zu gestalten.
Besonderes Gewicht sollen dabei die Entwicklungs- und die Genderperspektive erhalten. Beide sind keine bloßen Anwendungsfelder des Capability Approach, sondern gehören zum Kern von Sens Denken. Armut, Bildung, Gesundheit und die gesellschaftliche Stellung von Frauen zeigen besonders deutlich, weshalb Einkommen und formale Gleichheit allein keine hinreichenden Maßstäbe für Freiheit und Wohlergehen sind. Zugleich wird das Thema Macht stärker in den Vordergrund. Wer kann eigene Interessen und Bedürfnisse artikulieren? Wessen Argumente finden öffentlich Gehör? Welche sozialen und politischen Strukturen verhindern, dass formale Rechte in tatsächliche Freiheiten übersetzt werden? Damit verbunden wird auch das Thema der Menschenrechte und die Frage nach der Verteidigung einer demokratischen und freien Gesellschaft, in der ein rationaler Diskurs, wie Sen ihn konzipiert, überhaupt möglich ist, im Band größere Bedeutung erhalten.
Mit besonderem Interesse warten die Beteiligten daher auf Sens neues Buch „The Cement of Humanity: The Power of Human Rights“, das im kommenden Frühjahr erscheinen soll. Es greift Themen auf, die für die endgültige Gestaltung des Bandes von großer Bedeutung sein dürften.
Die abschließende Plenumsdiskussion bündelte die Beiträge in einer arbeitspraktischen Zielsetzung: zentrale Texte zu bestimmen, Themen neu zu gewichten und eine klarere innere Struktur des Bandes zu entwickeln. Die theoretischen Grundlagen des Capability-Ansatzes bleiben zentral, sollen jedoch enger mit Fragen praktischer Freiheit, Entwicklung, Gender, Macht, Menschenrechten und öffentlicher Vernunft verbunden werden. Außerdem sollen mit der Textauswahl stärker Sens Positionen zu aktuellen oder zeitgenössischen Krisen der Demokratie und der Freiheit im Fokus stehen.
Über die Arbeit am Band hinaus war die Fachkonferenz auch für die Vernetzung der internationalen Sen-Forschung sehr ergiebig. Viele der Gäste beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Sens Werk und kennen ihn persönlich. Ihre wissenschaftlichen und persönlichen Erfahrungen verliehen den Diskussionen eine besondere Tiefe und schufen zugleich neue Verbindungen innerhalb der globalen Gemeinschaft von Sen-Expertinnen und -Experten.
Wie schon die vorausgegangene Fachkonferenz „Demokratie und die offene Gesellschaft“ zum Werk des Philosophen Karl R. Popper zeigte auch diese Veranstaltung, dass die Schriftenreihe „Vordenker der liberalen Moderne“ vom produktiven Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen und Perspektiven lebt. Die wohl wichtigste gemeinsame Einsicht der Freiburger Diskussionen lautete, dass Sens Werk besonders überzeugend als eine praxisorientierte und global gedachte Theorie der Freiheit verstanden werden kann. In diesem Sinne setzte die Fachkonferenz wichtige Akzente für die Auswahl der Texte, die thematische Gewichtung und die weitere Gestaltung des geplanten Bandes „Verwirklichungschancen und soziale Sicherheit“.
