„Postliberalismus“ ist ein wunderbarer Kampfbegriff – und zwar deshalb, weil er durch das Präfix „post“ auch eine deskriptive Bedeutungsebene hat. „Post“ – dieses zeitdiagnostische Mode-Wort, das selbst schon längst Gegenstand von Zeitdiagnosen geworden ist – zeigt eine zeitlich-lineare Nachordnung an, und so liefert der, der programmatisch-politisch „Postliberalismus“ einfordert, immer schon eine Teilbegründung für diese Forderung mit: in Form der Behauptung nämlich, wir lebten ohnehin schon in Zeiten nach dem Liberalismus. Wer sich „postliberal“ nennt, vollzieht also eine bequeme Beweislastumkehr zuungunsten derjenigen, die noch Liberale sein wollen. Gerade für die Gruppe der reaktionären Postliberalen um Patrick Deneen, Adrian Vermeule, Gladden Pappin oder Sohrab Ahmari, die den „Postliberalismus“-Begriff in den letzten zehn Jahren dominiert haben, kam dieser Diskursvorteil freilich zum Preis eines Selbstwiderspruchs. Denn die affirmative Rede von einer „postliberalen Epoche“ verweist auf ein lineares Geschichtsverständnis und eine fortschrittsorientierte Geschichtsphilosophie. Die reaktionären Postliberalen kritisieren „den Liberalismus“ aber insbesondere hierfür: Dafür, dass er in seinem Historismus einerseits und emanzipatorischem Furor andererseits blind sei für die „menschliche Natur“ und überhistorische Wahrheiten über den Platz des Menschen (respektive konkreter Menschengruppen) innerhalb einer kosmisch oder göttlich sanktionierten Ordnung. Diese zentrale Frontstellung gegen den Liberalismus markieren die reaktionären Postliberalen bisweilen mit der Selbstbezeichnung als „neothomistisch“ und/oder „neoaristotelisch“: Thomas von Aquin und Aristoteles fungieren dann als Verweisfiguren für (Politische) Philosophien, die noch auf das feste Fundament metaphysischer Wahrheiten gegründet sind.

Porträt Karolina Wigura

von Carlotta Voß

Dr. Carlotta Voß ist Postdoc-Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover und Redakteurin des Online-Magazins Politik&Ökonomie. Ihre Forschung kreist um Fragen der Demokratietheorie, der Philosophischen Anthropologie, der Tugendethik und der Politischen Theologie. Zu ihren Veröffentlichungen gehören: »Ironie und Urteil. Ironische Historiographie und die Entdeckung des Politischen bei Thukydides«, Vandenhoeck & Ruprecht 2024, und »The Riddle of the Great-Souled eiron. Virtue, Deception and Democracy in the Nicomachean Ethics«, Elenchos 44/2 (2023).

Patrick Deneen, der weiterhin namenhafteste Proponenten des reaktionären Postliberalismus, hat sich nun erfreulicherweise entschieden, den ungerechten Diskursvorteil preiszugeben, den eine programmatische Verwendung von „Postliberalismus“ schafft. In seinem jüngsten Debattenbeitrag (erschienen in Suhrkamps umfangreichem Sammelband zum „Postliberalismus“[1]) gibt er seinen Kampfbegriff als deskriptiv-diagnostischen Begriff frei. Unter der Überschrift „Wir sind jetzt alle Postliberale“ entwickelt er das Argument, dass die Gegenwart politisch durch zwei konkurrierende Postliberalismen geprägt sei, zu denen er selbst sich kritische Distanz begibt – durch den „progressiven Illiberalismus“ und den „rechten Vitalismus“ nämlich. „Progressiver Illiberalismus“ ist Deneens akademisches Synonym für die polemischen Figuren des „Wokeismus“/“Kulturmarxismus“; mit „rechtem Vitalismus“ sucht er (am Beispiel des bloggenden Selbstverlagautor-Aktivisten Bronze Age Pervert) jenes schwer zu klassifizierende Netzwerk aus anarcholibertären Bloggern, Neo-New-Agern, Manosphere-Posern und Verschwörungstheoretikern, auf den Begriff zu bringen, das zwischen politischer Ideologie, ästhetischer Bewegung und Nietzsche-Lesekreis changiert. Deneen charakterisiert beide Postliberalismen als unterschiedliche Ausprägungen eines „Hyperliberalismus“ und parallelisiert sie mit Sozialismus einerseits und Faschismus andererseits. „Postliberalismus“ wird so neu bestimmt als diagnostischer Begriff für die (in Deneens Analyse) konstitutive „Instabilität“ des Liberalismus: Er benennt die selbstdestruktive Tendenz des Liberalismus, in Pervertierungen seiner selbst umzuschlagen.

Deneens Text ist ein Geschenk für Liberale – für all jene also, die den Liberalismus als Begriff und normatives Programm noch nicht auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wollen. Denn Deneen legt ja tatsächlich (einmal mehr) den Finger in die Wunde der triumphalen liberalen Selbsterzählung, nach der sich der Liberalismus als Fortschrittskraft der Geschichte gegenüber gleich zwei Totalitarismen (eben Faschismus und Sozialismus) ideell (und materiell) bewährt habe. Die historischen Faschismen und der Sozialismus waren entgegen dieser Selbsterzählung eben nicht die ganz Anderen (bzw., retrospektiv, die besiegten Feinde) des Liberalismus, sondern Fleisch vom Fleische der liberalen Moderne. Das zeigt nicht nur der Umstand des geringen Widerstands vieler Liberaler gegen die faschistischen Regime des 20. Jahrhunderts, sondern auch das gegenwärtige Anschwellen sozialdarwinistischer Gesänge im bürgerlich-liberalen Lager, in dem so mancher inzwischen auf den Ideenpool der historischen Faschismen zurückgreift (zum Beispiel auf vulgärvitalistische Denkfiguren wie die Feier der Disruption bzw. der reinigenden Gewalt als existenzielles Erlebnis). Um Deneens Analyse im liberalen Sinne produktiv zu machen, gilt es aber einmal mehr, mit Deenen gegen Deneen zu denken. Denn er knüpft seine Argumentation vermittels des Philosophen Leo Strauss bereits Modernekritisch ein. Leo Strauss ist im akademischen konservativen Milieu der USA, in dem zentrale Akteure des reaktionären Postliberalismus sozialisiert sind, gleichsam ein Säulenheiliger[2]; man erfreut sich hier an der gelehrten Liberalismuskritik und subversiven Elitentheorie des Philosophen und man nutzt seine antihistoristische Hermeneutik: Strauss verwirft historisch-kontextualistische Lektüren von Texten der Ideengeschichte und sucht demgegenüber, jene Texte (mit Vorliebe solche der klassischen Antike) daraufhin zu befragen, ob überhistorische Wahrheiten in ihnen zur Darstellung kommen. An der Hand von Strauss nun (und via Strauss in Bezug auf die platonische Lehre der Staatsformen) beschreibt Deneen den Liberalismus substantialistisch statt historisch-kontextualistisch. Die anti-egalitären bis dehumanisierenden und totalitaristischen Gesichter der liberalen Moderne erscheinen bei Deneen so als „logische“ Entwicklungen bzw. „Pathologien“ einer falschen (im Sinne von: unwahren und schlechten) Ordnungsvorstellung (eben des „Liberalismus“) – statt als kontingentes Resultat historischer Konstellationen, in denen Ideen, Herrschafts- und Besitzverhältnisse zusammenwirken.

Eine historisch-kontextualistische Analyse des Liberalismus bzw. der liberalen Moderne entdeckt indes rasch, dass „neothomistisch-neoaristotelischer“ Postliberalismus á la Deneen, Vermeule oder Pappin genauso etablierter Bestandteil bürgerlich-liberaler Selbstverhandlungsdiskurse in der Moderne ist wie vitalistische bis sozialdarwinistische und sozialistische Postliberalismen. Die christlich-katholischen Personalismen der europäischen Zwischenkriegszeit, etwa von Jacques Maritain, Paul Ludwig Landsberg oder Emmanuel Mounier, präfigurieren Deneens Liberalismuskritik und Teile seiner Skizze einer postliberalen Gegenmoderne – zugleich weichen sie aber auch davon ab, weil sie aus demselben Kanon katholischer Tradition hier und dort andere Schlüsse ziehen.[3] Die bloße Akklamation vermeintlich ewiger Wahrheiten eines Traditionsbestands bringt das unbequeme Kontingenzbewusstsein der Moderne eben nicht zum Schweigen, sondern wird unter der Bedingung desselben unweigerlich Gegenstand miteinander im Konflikt stehender Auslegungen. Der Blick auf die ideologisch hitzige europäische Zwischenkriegszeit zeigt auch, dass zwischen christlich-personalistischen, (proto-)faschistischen und sozialistischen Gegenmoderne-Projekten die ideellen und personellen Austauschprozesse in alle Richtungen intensiv waren[4] – genau wie sie es heute zwischen Deneens Postliberalismus einerseits und den diversen Spielarten dessen sind, was Deneen „rechten Vitalismus“ nennt und an einer Stelle explizit mit den „Nietzsche’schen Tech-Bros“ Peter Thiel und Elon Musk verbindet.  

Ideengeschichtliche Studien und historisch-kontextualistische Analysen des Liberalismus entdecken aber nicht nur die Verstrickung des Deneen’schen Postliberalismus in die liberale Moderne. Sie erschließen außerdem, dass die konstitutive Krisenhaftigkeit des Liberalismus jedenfalls auch Resultat eines Prozesses der Suche nach guten und gerechten politischen Ordnungen ist, den als offenen Prozess zu führen der politische Liberalismus ideell und in wachsendem Maße auch materiell die Grundlagen geschaffen hat. Die postliberale These, dass der politische Liberalismus sich vermittels seines Freiheitsbegriffs regelmäßig mit eiserner Notwendigkeit zu dehumanisierenden Verhältnissen radikalisiere, wird unplausibler, je mehr man sich mit der Ideengeschichte der liberalen Moderne beschäftigt. Dieselbe ist eine Geschichte vieler regressiver und progressiver Revisionsbemühungen; unzähliger Entwürfe von anderen, besseren, egalitäreren oder elitäreren Gegenmodernen. Deneen entgeht infolge seiner methodischen Vorentscheidung, den Liberalismus substantialistisch zu beschreiben, dreierlei: Ihm entgeht erstens, dass der Liberalismus zwei Gesichter hat (den Wirtschaftsliberalismus und den politischen Liberalismus), die sich in der liberalen Moderne miteinander verflechten.[5]Ihm entgeht zweitens, dass das, was ihm als Instabilität, Chaos, Unordnung erscheinen muss, auch das Ergebnis des vom politischen Liberalismus formulierten normativen Maßstabs der Freiheit unter Freien ist, insofern derselbe die Kritik herrschender Unterdrückungsverhältnisse ermutigt und auf das Gebot historischen Fortschritts verweist. Deneen entgeht drittens und vor allem aber die Möglichkeit, aus der historischen Analyse Einsicht darüber zu gewinnen, unter welchen Bedingungen die bürgerlichen Theorieprogramme, die sich als progressive und regressive „Postliberalismen“ bezeichnen lassen, dazu neigten, sich in akuter Gewalt und/oder anti-liberaler Politik mitsamt der Unterdrückung von Dissidenz zu konkretisieren.

Es scheint vor diesem Hintergrund zumindest folgerichtig, dass Deneen inzwischen bereitwillig den anti-liberalen Fluchtpunkt seines Postliberalismus als solchen benennt. Der Neologismus „Postliberalismus“ hatte für dessen „neothomistisch-neoaristotelischen“ Proponenten zuletzt immer auch die Funktion, den gegenrevolutionären Charakter des eigenen Projekts für ein (konservatives) Publikum verdaulicher zu machen, für das die Freiheits- und Befreiungsversprechen des politischen Liberalismus im Großen und Ganzen doch noch recht gut klingen und für das es sich in der Gegenwart noch hinreichend gut leben lässt. „Postliberalismus“ tönt eben auch nach Reform, statt Revolution; nach organischer Transformation statt nach Disruption. Deneen bekennt sich in seinem neuen Text nun offen zum „anti-liberalen“ Postliberalismus. Es ist zu befürchten, dass für die Sache des Liberalismus diese klare Deneen’sche Positionierung qua Feindbestimmung zu früh kommt. Denn sie macht es den Liberalen zu einfach, im Modus des ideologischen Abwehrkampfes zu bleiben, den der suggestive Begriff des „Postliberalismus“ gerade produktiv in Richtung einer Selbstkritik aufzubrechen versprochen hat. Für eine substantialistische Beschreibung seiner selbst braucht der Liberalismus Deneen ja leider nicht; er ist darin selbst zum eigenen Schaden nur zu gut. Vielleicht ist die explizite Aufgabe des Postliberalismus-Begriffs durch den Chef-Postliberalen Deneen aber auch eine Chance, sich den Begriff von liberaler Seite anzueignen: Zum politischen Liberalismus gehört schließlich untrennbar die Kritik der Gegenwart um einer besseren Zukunft willen, einer besseren Moderne, in der Machtverhältnisse überwunden sind, die sich im Blick auf ein „Recht auf Rechtfertigung“[6] nicht rechtfertigen lassen. Ein liberaler Postliberalismus muss dann aber von bestehenden Herrschaftsverhältnissen sprechen. In diesem Sinne gilt es auch, sich vom reaktionären Postliberalismus nicht mit seiner Spezialität – geschichtslosen Definitionen von gutem Leben und Gemeinwohl – ablenken zu lassen. Die doppelte Frage nach den Bedingungen eines guten Lebens und dessen Verhältnis zum Gemeinwohl eignet sich zwar als Leitfrage für die fortschrittsorientierte Kritik der Gegenwart – aber nur, wenn sie in Auseinandersetzung mit der selbst historischen, natürlicherweise künstlichen (Helmuth Plessner)[7] Natur des Menschen geführt wird. Die neothomistischen, neoaristotelischen Personalismen der europäischen Zwischen- und Nachkriegszeit sind in dieser Hinsicht übrigens zum Teil weit ergiebiger, da kontingenzoffener, als das, was sich heute als „neothomistisch-neoaristotelischer“ Postliberalismus vermarktet. 

Endnoten

[1] Veith Selk/ Julian Nicolai Hofman (Hrsg.): Postliberalismus. Eine transatlantische Debatte, Berlin 2026.

[2] Leo Strauss kann übrigens nichts für seine politische Vereinnahmung. Es sei hier dem Bedauern darüber Ausdruck verliehen, dass sein Ruf als Philosoph an ihr stark leidet.

[3] Siehe zum Beispiel: Jacques Maritain: Christlicher Humanismus. Politische und geistige Fragen einer neuen Christenheit, Heidelberg 1949/1950;

[4] Siehe dazu etwa Thomas Keller, Deutsch-französische Dritte-Weg-Diskurse. Personalistische Intellektuellendebatten der Zwischenkriegszeit, München 2001.

[5] Siehe Daniel Pascal Zorn, Das Doppelgesicht des Liberalismus, in: Politik&Ökonomie vom 7. Mai 2025, URL: https://politischeoekonomie.com/das-doppelgesicht-des-liberalismus/

[6] Rainer Forst: Das Recht auf Rechtfertigung. Elemente einer konstruktivistischen Theorie der Gerechtigkeit, Berlin 2007.

[7] Helmuth Plessner: Die Studen des Organischen und der Mensch, Frankfurt a. M. 2016.