Ist Hannah Arendts Denken Teil der Traditionen des Liberalismus? Die rhetorische Frage zu stellen gehört zum Standardrepertoire, wenn die philosophische und politiktheoretische Position der überaus populären Denkerin bestimmt werden soll. Gerade weil Arendt sich in Texten wie in Briefen einer politisch-persönlichen Festlegung überhaupt verweigert hat und mögliche Positionszuweisungen scharf verwarf, möchten die zahlreichen Interpreten sie immer wieder für ihre jeweilige Seite gewinnen: konservativ, liberal, links. Und weil nicht nur in dieser Aufzählung „liberal“ in der Mitte liegt, scheint es großen Spaß zu bereiten, sie als „Liberale“ auszuzeichnen, ganz so, als hätte Arendt sie mit ihren Aussagen nur auf die falsche Fährte führen wollen. Die Klügeren unter den Liberalismus-Verdacht-Interpreten merken dann irgendwann, dass Arendts Selbstauskunft zutrifft. Dass dort, wo es jenseits der allgemein anerkannten Trinität von politischen Traditionen noch eine vierte, schwer zu definierende gibt, die in Deutschland eben keine Bedeutung erlangte: den Republikanismus. Nicht dass es leicht wäre Arendts Republikanismus zu bestimmen, wir werden darauf zurückkommen müssen, aber wenn es eine Antwort auf die simple Einordnungsfrage „Wo stehst Du politisch?“ gibt, dann wäre ihre idealisierte amerikanische Vorstellung von Republikanismus die einzige inhaltlich vertretbare.

Porträt Karolina Wigura

von Thomas Meyer

Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, an der er die Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhundert lehrt. Bei C.H. Beck erschien Hannah Arendt. Die Denkerin des 20. Jahrhunderts

Folglich zeigte sich Arendt wenig daran interessiert, sich im traditionellen Schema zu festzulegen. Als Arendt auf einer Konferenz, die 1974 zu ihren Ehren in Toronto stattfand, von ihrem Freund, dem Politikwissenschaftler Hans Morgenthau gefragt wurde, ob sie „konservativ“ oder „liberal“ sei, antwortete Arendt: „Ich weiß es nicht und habe es nie gewusst. Und ich glaube, ich habe nie eine solche Position eingenommen. Sie wissen ja, die Linken halten mich für konservativ, und die Konservativen halten mich für einen Einzelgänger oder Gott weiß was. Und ich muss sagen, das ist mir völlig egal. Ich glaube nicht, dass die wirklichen Fragen dieses Jahrhunderts durch so etwas in irgendeiner Weise geklärt werden.“[1]

Genauso wenig war Arendt an einer Festschreibung dessen, was Republikanismus für sie bedeutet, interessiert. Die klassische Bestimmung der Gemeinwohl-Präferenz republikanischer Theorien seit der Renaissance ist bei ihr verbunden mit der von Immanuel Kant eingeführten Verbindung von Institutionenstärkung durch demokratische Verfahren. Beides sieht Arendt in der Amerikanischen Revolution und den aus ihr hervorgegangenen Schriften der Gründungsväter der USA verbunden. Inwieweit sie in „Über Revolution“ darüber hinaus aristotelische Motive, etwa einer tugendethischen Ergänzung das Wort redet, ist umstritten. Feststeht hingegen, dass Arendts Republikanismus sich keiner Definition unterwirft, vielmehr sich zwischen abstrakten Reflexionen und gegenwartsbezogenen Interventionen hin und her bewegt. Auf diese Dynamik werden wir noch zu sprechen kommen.

Insofern ist all das Bemühen um Arendts Liberalismus reine Rhetorik. Immerhin hat die Inszenierung ihre Berechtigung, denn wer wollte leugnen, dass mit „Freiheit“, „Pluralität“, und „Handeln“ als den Keimzellen von Politik zentrale Begriffe und Ideen Arendts als zum Kern des Liberalismus in der Moderne gehörend verstanden werden können. So weit, so unbefriedigend.

Moyns Abrechnung mit den „Cold War Liberals“

Wenn es einen Grund gibt, die Frage nach Arendts Liberalismus nochmals aufzuwerfen, dann liegt es an Samuel Moyns buchlanger Polemik Liberalism against itself, die 2024 auf Deutsch unter dem Titel Der Liberalismus gegen sich selbstbei Suhrkamp erschien: Darin wurde Arendt als eine „Cold War liberal“ vorgestellt, die entscheidend zur Schwächung des Liberalismus nach 1945 beigetragen habe.[2]

Folgt man dem in Yale lehrenden Rechtshistoriker und bekennenden linken Publizisten Moyn, dann gehört Arendt zusammen mit Judith Shklar, Isaiah Berlin, Karl Popper, Gertrud Himmelfarb und Lionel Trilling zu den Halbierern des Liberalismus, wo es doch nach den Katastrophen im 20. Jahrhundert so einfach gewesen wäre, ihn neu zu begründen und damit zur Schaffung freier Gesellschaften beizutragen. Einfach deshalb, weil sämtliche alten Wahrheiten widerlegt, der Hunger nach Freiheit grenzenlos und die Sortierung der Machtverhältnisse offen war. Die Gelegenheit wurde nicht bloß versäumt, sondern aus ideologischen Gründen vergeben. Letztlich hatten sie kein Interesse den Liberalismus ernst zu nehmen, wollten nicht erkennen, dass seine Ideen nicht die Katastrophen des 20. Jahrhunderts verursacht hatten. Halbiert hatten sie den Liberalismus, weil sie trotzdem in seinem Namen weiterdachten, ohne seine Substanz weiterzutragen. Schuld daran ist die oben genannte Gruppe: mal alle zusammen, mal in ausgewählten Konstellationen, mal ganz alleine. Dass alle Genannten während des Kalten Krieges entweder die Grundlagen ihres Denkens ausgebildet oder ihre Hauptwerke geschrieben haben, ist nicht zu bestreiten. Die Mischung aus bekannten und meist nur Spezialisten vertrauten Namen ist für Leser attraktiv, die sich mit der Ideengeschichte nach 1945 vertraut machen möchten. Vor allem hierzulande vermittelt man gerne den Eindruck, politisches Denken habe es nach dem Krieg ausschließlich in der „Frankfurter Schule“ Adornos und Horkheimer gegeben, die aber schon jenseits des Rheins niemanden interessierte. Moyn ist zudem ein klar und pointensicher formulierender Kenner der Materie – die Polemik ist ein Genre, das er sehr gut beherrscht.

Die „Kalte Krieg Liberale“-Aufzählung ist natürlich nicht vollständig, auch werden die teilweise komplexen Binnenverhältnisse von Moyns „Helden“ nur am Rande vorgestellt. Es geht dem Autor um etwas anderes: eine Abrechnung. In deren Zentrum steht ein doppelter Generalverdacht: die Genannten haben liberale Traditionen gekapert, um sie für ihre politischen Ideologien zu instrumentalisieren. Zum anderen entpuppen sie sich bei genauerem Hinsehen als Reaktionäre, die die westliche Doktrin eines fundamentalen West-Ost-Gegensatzes mehr oder weniger ohne Abstriche zum Maßstab ihres Denkens gemacht haben.

Was Moyn übersieht

Doch die Defizite des Buches sind schon bei grundsätzlichen Fragen nicht zu überlesen. So erfahren wir nichts über die Ursprünge des Begriffs „Cold War liberal“ (der englische Wikipedia-Artikel hierzu ist als Einstieg durchaus empfehlenswert), der ursprünglich politisch positiv besetzt war, denn er charakterisierte Politiker und Gewerkschafter, die sich gegen autokratische Tendenzen und für Demokratie und Gleichheit aller BürgerInnen einsetzten. Und bereits damit verschenkt Moyn jedwede konstruktive Sicht auf seine Protagonisten, denn sie wären bei Erwähnung ins Verhältnis zu einer liberalen Politik zu setzen gewesen. Wir lernen aber auch nicht den Liberalismus kennen, den Moyn im Sinn hat und dessen Verwirklichung die Welt zu einem besseren Ort gemacht hätte. Allenfalls in homöopathischen Dosen wird den Lesern ein historistisches Argument aufgetischt: Der Rückgang zu den liberalen Traditionen des 19. Jahrhunderts und dabei die übersehenen Potentiale ausschöpfend, könne die Kalte Krieg-Ideologie überwinden. Doch das alles wird nur angedeutet, nicht aber systematisch ausgeführt. Wir dürfen lediglich mitlesen, wie ein brillanter Kopf sich hier ein drittes Mal von allen Täuschungen befreien möchte, mit denen er intellektuell und persönlich aufwuchs. Denn, nachdem Moyn die Geschichte der Menschenrechte als eine fixe Idee der 1970er Jahre ohne jede politische Konsequenz[3] und das klassische US-amerikanische Selbstverständnis als Ursache für die Kriegslüsternheit der letzten dreißig Jahre entlarvt hat[4], werden nun der Liberalismus und seine angeblichen „Vertreter“ überführt. Moyns Destruktionsarbeit leistet stets ganze Arbeit: Wer seine Bücher liest, käme nie auf die Idee, dass die drei Untersuchungsgegenstände eine beachtliche Tradition und Wertschätzung besitzen.

Der Fall Arendt

Kommen wir zu Arendt. Sie ist für Moyn ein besonders schwerer Fall. Ihre Omnipräsenz und allgemeine Wertschätzung als „Denkerin der Gegenwart“, die vermeintlich auf alle Fragen unserer Zeit bereits Antworten formulierte, lassen vergessen, so unser Autor, was sie wirklich dachte und schrieb. Zugleich sind Leben und Werk quasi auserforscht, nichts, was noch nicht bekannt wäre – sieht man davon ab, was über all die Jahrzehnte seit den 1960ern an Kritik und vor allem Angriffen aufgehäuft wurde. Moyn sammelt das und vollstreckt das Urteil. Dessen (Kapitel-)Überschrift „Weiße Freiheit“ liefert denn auch schon gleich den gesamten Inhalt mit: Arendt war Rassistin. Um zu dieser Einschätzung zu kommen, müssen zunächst Aufräumarbeiten durchgeführt werden. Die Liberalismus-Distanz Arendts wird gleich auf der ersten Seite weggewischt. Sie teilte nach Moyn mit den anderen Helden des Buches die Idee einer „kreativen Freiheit“, die sich jedweder ökonomisch-institutionellen Absicherung entledigt hatte. Dass Arendt ein Faible für die Antike, insbesondere für Aristoteles‘ Klugheits-Konzept hatte, macht sie zwar zu einem „seltsamen“ Fall, doch gleichzeitig erklärt sich daraus ihr Elitismus. Wie in der Polis ist die Freiheit für Arendt ein Privileg, das die Hoi polloi, also die „Masse“, also weder Frauen, Sklaven noch Fremden zugestanden wird. Und Moyn übernimmt ohne jede Prüfung die durch postkoloniale Theoretiker populär gewordene Behauptung, wonach sie eine Rassistin war. Insbesondere ihre Interpretation von Joseph Conrads Erzählung „Heart of Darkness“ (1899) in ihrem Hauptwerk Origins of Totalitarianism[5] (1951) weise sie als solche aus. Aber auch Antisemitismus glaubt Moyn bei ihr feststellen zu können. Arendts „rassistische Vorurteile“[6]gepaart mit ihrem Antike-Fetisch ergeben ein desaströses Bild. Sie ist folgerichtig blind für die Globalisierung, hat keine Beziehung zu den neue Macht- und Unterdrückungsverhältnissen produzierenden Kapitalismus, findet die Französische Revolution schon deshalb gescheitert, weil sie sich auf das Soziale kaprizierte. Kurz: Arendt ist der hoffnungslose Fall einer zutiefst reaktionären Liberalismus-Feindin. Warum sich also überhaupt mit Moyn beschäftigen? Zum einen kann es nie schaden, wenn ein allzu bequem erzielter Common Sense durcheinandergewirbelt wird. Zum anderen wird man durch kluge Polemiken gezwungen, neu nachzudenken.

Republikanismus statt Liberalismus

Im Falle Arendts sollte das dazu führen, sich die Deutung der amerikanischen Revolution in On Revolution (1963) genauer anzusehen, ein Buch, das zwei Jahre später in ihrer eigenen Übersetzung und dabei wesentlich umgearbeitet, als Über die Revolution[7] erschien. Darin legt sie in der Auseinandersetzung mit den „gründenden Vätern“, und eben nicht den „Gründungsvätern“, der amerikanischen Verfassung ihre Idee des Republikanismus vor. Sie basiert zunächst auf einer Analyse der maßgeblichen Institutionen – etwa des Senats und der Verfassungsgerichtsbarkeit unter dem Aspekt der Veränderbarkeit der Verfassung –, um dann die Rolle des handelnden Menschen als Garant und Nutznießer der durch die Institutionen geschaffenen Sicherheit einzugehen. Obwohl beide „menschengemacht“ und damit scheitern können, ist das spezifische Aufeinanderbezogensein von Mensch und Institution in den USA die entscheidende Versicherung für die Entwicklung des Gemeinwesens. Denn nur ein nicht sich in Ewigkeitsfantasien abspielendes, also quasi römisch-republikanisches Staatsverständnis ist einer modernen Demokratie angemessen. Vielmehr bedarf es einer abgesicherten Dynamik zwischen Handlungsfreiheitsräumen und lernenden Institutionen, die sich mit dem handelnden Wesen Mensch verändern.

Um die Dynamik sicherzustellen, mussten „Erscheinungsräume“ etabliert werden, in denen BürgerInnen sich ebenso spontan und zufällig wie regelmäßig und dauerhaft austauschen können. Die „Townhall“-Idee, wonach kleine kommunale Einheiten sich über Entscheidungen ihrer Gemeinschaft austauschen und entscheiden, spielte dabei ebenso für Arendt eine Rolle wie das Rätesystem. Davon übernahm sie die basisdemokratische Idee, wonach organisierte Gruppen Abstimmungen herbeiführen, Räte ernennen, die das Entschiedene durchzusetzen. Dass Arendt naturgemäß nicht die sowjetische Variante befürwortete, die letztlich auf die Kontrolle der Vielen durch die Räte hinauslief, versteht sich von selbst. In den Bemerkungen, die sie dazu in ihrer Studie über die Ungarische Revolution (1958) und in „Über die Revolution“ machte, lässt sich klar erkennen, dass „ihre“ Räte eine Auswahl der Besten darstellten, also letztlich eine Überlegung, die ihre Wurzel im Athen von Perikles, Platon und Aristoteles hatte.

Was die Dynamik sicherstellen sollte, war der produktive Austausch zwischen den BürgerInnen und den sie Regierenden und zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. So sollte sichergestellt werden, dass die unterschiedlichen „Lebenswelten“ (Jürgen Habermas) aufeinander angewiesen und verpflichtet blieben. Diese „Lebenswelten“ wurden, darin war sich Arendt mit Habermas einig, von Industrie, Technik und einem politischen System bedroht, das jedwede Gelegenheit nutzen werde, sich selbst absolut zu setzen. Sei es in der Form von Parteienherrschaft oder Personenkult. Selbsterklärte „Könige“ waren für Arendt in der amerikanischen Verfassung nicht vorgesehen, aber sie begab sich auch nicht auf die heute so populäre und zugleich lächerliche Suche nach einem „Nomos“, der angeblich aus den Vorzeiten in die Gegenwart reicht und allen „Gesetzen“ des Zusammenlebens seinen Segen gibt. Mit Austausch und mit der realistischen Einschätzung des Risikos menschlichen Handelns kommt man weiter, so Arendt, als mit nostalgischer Archaik. Demokratien müssen nicht liberal sein, aber mythenfrei.

Literatur

[1] Hannah Arendt. On Hannah Arendt, in: Hannah Arendt, The Recovery of the Public World. Ed. by Melvyn A. Hill, New York 1979, 333f. (Übersetzung des Autors)

[2] Samuel Moyn: Der Liberalismus gegen sich selbst. Berlin 2024.

[3] Samuel Moyn: The Last Utopia: Human Rights in History, Cambrigde M.A 2010.

[4] Samuel Moyn: Humane: How the United States Abandoned Peace and Reinvented War. Farrar, Straus and Giroux. New York 2021.

[5] Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 1955.

[6] Samuel Moyn: Der Liberalismus gegen sich selbst. Berlin 2024, S. 172.

[7] Hannah Arendt: Über die Revolution. München 1965.