Beitragsfoto: Johanna Brunsing
Liberalism and the Masses. Revisiting José Ortega y Gasset’s Political Thought
Fachkonferenz am 06.-07. Mai 2026, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Am 06. und 07. Mai 2026 fand an der Goethe-Universität Frankfurt am Main die Fachkonferenz „Liberalism and the Masses. Revisiting José Ortega y Gasset’s Political Thought“ im Rahmen des Verbundprojekts „Schriftenreihe Vordenker der liberalen Moderne“ statt. TeilnehmerInnen aus unterschiedlichen Forschungsgebieten kamen zusammen, um gemeinsam über den Liberalismus des spanischen Philosophen José Ortega y Gassets zu diskutieren.
Einleitend bettete Thomas Biebricher (Goethe-Universität Frankfurt am Main) die bevorstehende Konferenz in den größeren Projektkontext ein. Angesichts der vielfach diagnostizierten Krise des Liberalismus könne eine (Rück)Besinnung auf liberale VordenkerInnen wie Ortega dazu beitragen, ideelle Ressourcen zur Bewältigung dieser Entwicklungen zu revitalisieren.
Nach diesen einleitenden Worten präsentierte Alec Dinnin (Universidad Carlos III de Madrid) einen kurzen Überblick über das politische Leben und philosophische Denken Ortegas und führte in grundlegende Theoreme dessen Werkes ein. Die Fragestellung, die die Vorträge und Diskussionen der Konferenz leiten sollte, war das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in der Philosophie José Ortega y Gassets.
Die beiden Vorträge des ersten Panels boten einen Einstieg in zentrale Aspekte des liberalen Denkens bei Ortega. Esmeralda Balaguer (Universidad Complutense de Madrid) behandelte zunächst die vitalistische Dimension der Freiheit in seinem Werk. Anschließend widmete sich Brendon Westler (St. Olaf’s College) der Bedeutung von Unsicherheit, Desorientierung und Krise bei Ortega. In der abschließenden Diskussion standen insbesondere die Implikationen Ortegas Perspektive für die intersubjektive und gesellschaftliche Ebene im Mittelpunkt.
Die Vorträge des zweiten Panels diskutierten theoretische Spannungen im Werk Ortegas. Katia Esteve Mallent (Universidad de Alicante) verglich die Positionen zweier spanischer liberaler Denker, José Ortega y Gassets und Ramón de la Sagra, hinsichtlich der Territorialität politischer Macht und ordnete diese in den historischen Kontext Spaniens ein. Elena Laurenzi (Universitat de Barcelona) analysierte Ortegas
Positionierung zur Emanzipation der Frau. Sie las diese als Ausdruck eines grundlegenden liberalen Paradoxons: eines theoretischen Universalismus, der in der Praxis trotzdem oftmals mit regressiven Positionen gegenüber beispielsweise Frauenrechten einhergeht. Obwohl die beiden Vorträge thematisch sehr unterschiedlich waren, erwiesen sie sich als äußerst aufschlussreich für die Einordnung Ortegas in den breiteren Kontext liberalen Denkens.
Die erste Keynote mit dem Titel „Ortega’s Three Liberalisms“ wurde von Alan Kahan (University of Versailles/St. Quentin) gehalten, der eine ideengeschichtliche Einordnung Ortegas vornahm. Im Vordergrund standen dabei drei Analyseperspektiven: Ortegas Zusammenhang mit dem aristokratischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts, seine Reaktion auf den Totalitarismus des frühen 20. Jahrhunderts sowie die mögliche Relevanz seines Denkens für das gegenwärtige Verhältnis von Liberalismus und Populismus.
Nach diesem informationsreichen ersten Tag begann der nächste Morgen mit dem dritten und letzten Panel der Konferenz. Der Literaturwissenschaftler Bécquer Seguin (Johns Hopkins University) analysierte Ortegas liberale Theorie des Romans, welche sich insbesondere durch einen Fokus auf den „presentativism“ auszeichnet. Sein Vortrag präsentierte Ortega in einem neuen Licht, nicht ausschließlich als politischen Denker, sondern ebenso als Literaturwissenschaftler, und stellte die Frage, inwiefern diese Pole auch theoretisch miteinander verbunden sind. Es folgte ein Vortrag des Historikers Iain Stewart (University College London), der die französische Rezeption Ortegas zwischen 1937 und 1983 untersuchte und deren Ambivalenzen herausarbeitete, indem er zeigte, wie unterschiedliche politische Strömungen zu verschiedenen historischen Zeitpunkten auf den spanischen Philosophen Bezug nahmen.
Die Konferenz endete mit einer Keynote von Javier Zamora Bonilla (Universidad Complutense de Madrid) mit dem Titel “The Freedom of the Individual in Society: A Democratic Theory from the Philosophy of Ortega y Gasset”, in der eine der zentralen Theorien Ortegas in den Mittelpunkt gestellt wurde. Bonilla diskutierte Ortegas Diagnose der Entstehung des Massenmenschen und der Massengesellschaft sowie deren Auswirkungen auf das Individuum. Darauf aufbauend wurde Ortegas Position zur liberalen Demokratie erörtert. Damit schloss die Konferenz also mit einer Diskussion der zentralen Fragestellung, die zu Beginn dieser formuliert worden war.
Insgesamt hat die Konferenz einen facettenreichen Überblick über die Forschungslandschaft zu José Ortega y Gasset geboten. Durch die vielfältigen Perspektiven und intensiven Diskussionen konnten zahlreiche produktive Denkanstöße für die weitere Arbeit am kommenden Sammelband gewonnen werden.
