Beitragsfoto: Tobias Kunz
Alexandre Lefebvre, Professor für Politik und Philosophie an der Universität Sydney und Autor des viel beachteten Buches Liberalism as a Way of Life (Princeton, 2024) diskutierte mit Ralf Fücks (Zentrum Liberale Moderne) und Karolina Wigura (Moderation) vor zahlreichem Publikum. Im Zentrum der Diskussion stand eine selbstkritische Bestandsaufnahme und weniger die Verteidigung des Liberalismus gegen seine äußeren Feinde. Wigura, Lefebvre und Fücks fragten: Was ist Liberalismus heute – und warum scheint er trotz seiner allgegenwärtigen Präsenz politisch und kulturell unter Druck zu geraten?
Liberalismus: Mehr als Institutionen und Verfahren
Lefebvre wandte sich entschieden gegen die verbreitete Auffassung, Liberalismus sei primär ein Bündel politischer Institutionen und Verfahren wie etwa Grundrechte, Gewaltenteilung, Wahlen, Rechtsstaat. Diese Sicht allein greife zu kurz. Sein zentraler Gedanke lautet: Wir leben nicht nur in liberalen Staaten und System – Liberalismus ist ein Way of Life.
Liberalismus, so Lefebvre, sei allgegenwärtiger, aber kaum noch wahrgenommener Bestandteil unseres Alltags. Liberalismus präge dabei nicht nur politische Überzeugungen, sondern auch scheinbar private, banale und sehr alltägliche Lebensbereiche: Unsere Essgewohnheiten, ästhetische Vorlieben, Partnerschaftsmodelle, die eigene Sexualität sowie die Kindererziehung oder den Umgang mit Differenz. Liberale Werte wie Fairness, Autonomie, Toleranz und Ironie werden heute weniger durch formale politische Bildung vermittelt als durch Popkultur, soziale Medien, Serien, Dating-Apps und alltägliche Interaktionen, so Lefebvre weiter.
Es geht beim Liberalismus also auch um Werte, so Lefebvre, der vor diesem Hintergrund die provokante Frage stellte: Wenn viele Menschen in westlichen Gesellschaften nicht mehr religiös sind – woher stammen dann ihre Werte? Die Antwort gab er gleich mit: Diese Werte stammten aus dem Liberalismus selbst. Liberalismus fungiere als säkulare Wertetradition, als moralischer und kultureller Referenzrahmen, der unser „Vibe“, unsere Sensibilität und unser Selbstverständnis formt.
Die Diskussionsteilnehmer Alexandre Lefebvre (oben) und Ralf Fücks (unten)
Liberal geprägt – aber Liberal gelebt?
So umfassend der Liberalismus das Leben präge, so unzureichend werde er tatsächlich gelebt, so Lefebvre weiter. Er fand dafür den Begriff von einem „Liberaldom“: eine Art Königreich der Heuchelei. Heuchlerisch deshalb, weil liberale Gesellschaften sich zwar rhetorisch zu Freiheit, Fairness und Großzügigkeit bekennen, diese Ideale im Alltag jedoch oft fundamental verfehlen.
Dafür gab er Beispiele: Liberale litten häufig an einem Mangel an Großzügigkeit – und das nicht nur materiell, etwa in Fragen sozialer Solidarität, sondern auch moralisch und interpretativ. Statt Toleranz und wohlwollender Auslegung dominierten nicht selten moralische Überheblichkeit, schnelle Empörung und soziale Ausgrenzung. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Praxis untergrabe die Attraktivität des Liberalismus und entfremde viele Menschen von ihm. In diesem Punkt haben die Kritiker des Liberalismus recht.
Der Liberalismus, so eine der zugespitzten Thesen, leide weniger an äußeren Gegnern als an innerer Inkonsistenz. Wer Freiheit und Fairness predige, müsse diese Werte auch im eigenen Lebensstil, im politischen Handeln und in ökonomischen Entscheidungen glaubwürdig verkörpern.
Die Sorge vor dem „neuen“ Menschen
Ralf Fücks brachte an dieser Stelle eine grundlegende Skepsis ins Spiel. Er warnte davor, den Liberalismus zu stark ethisch oder existenziell aufzuladen. Historisch sei die große Errungenschaft des Liberalismus gerade seine Zurückhaltung gegenüber verbindlichen Vorstellungen vom guten Leben gewesen.
Geboren aus den religiösen Bürgerkriegen Europas, habe der Liberalismus gelernt, dass gesellschaftlicher Frieden nur durch Toleranz gegenüber konkurrierenden Lebensentwürfen möglich sei. Der liberale Staat, so Fücks, zeichne sich gerade dadurch aus, dass er das gute Leben nicht definiere, sondern pluralisiere und den Rahmen absteckt in dem unterschiedliche Konzeptionen des guten Lebens nicht nur bestehen können, sondern sogar florieren können.
Eine zu starke Betonung liberaler Selbstkultivierung oder moralischer Vorbildlichkeit berge daher die Gefahr, erneut einen „neuen Menschen“ formen zu wollen. Dies erinnere, so die implizite Warnung, an illiberale Traditionen und könne leicht in Bevormundung oder moralischen Druck umschlagen.
Soulcraft versus Statecraft
Besonders kontrovers diskutiert wurde Lefebvres Konzept der „Soulcraft“, einer Art Seelenkunst. Seine Diagnose: Liberale hätten sich zu sehr auf Statescraft – auf Staatskunst – das Wirken von Institutionen, Verfahren und staatliche Neutralität – verlassen und dabei vernachlässigt, die Herzen der Menschen für den Liberalismus zu gewinnen.
Autoritäre Akteure wie Putin, die MAGA-Bewegungen, islamistische Regime oder auch China operierten indes offensiv mit starken Entwürfen eines guten Lebens, sie böten Zugehörigkeit, Sinn und nationale Stärke. Wenn Liberale dem lediglich formale Neutralität entgegensetzten, verlören sie zwangsläufig an Attraktivität. Notwendig sei daher eine Art liberale Seelenkunst, die den Liberalismus selbstbewusst als gelingende, sinnvolle und lebenswerte Lebensform darstellt.
Fücks widersprach dieser Schwerpunktsetzung entschieden. Für ihn bleibt Statescraft zentral: Ein leistungsfähiger Staat, eine funktionierende Wirtschaft, soziale Sicherheit und äußere Sicherheit seien die unverzichtbare Grundlage liberaler Ordnung. Wo diese Grundlagen bröckelten, helfe auch die beste Seelenkunst nicht weiter. Liberale Antworten müssten sich daher vor allem an konkreten politischen Herausforderungen bewähren – von sozialer Ungleichheit über Klimawandel bis zur geopolitischen Bedrohung.
Soulcraft versus Statecraft Der Liberalismus zwischen Selbstkritik und Selbstbehauptung
Zwischen liberaler Seelenkunst und robuster Staatskunst, zwischen moralischer Selbstvergewisserung und institutioneller Leistungsfähigkeit verläuft eine zentrale Spannung der gegenwärtigen liberalen Debatte. Einig waren sich beide Diskutanten darin, dass Liberalismus nur dann eine Zukunft hat, wenn er sowohl glaubwürdig gelebt wird als auch politisch handlungsfähig bleibt.
