Beitragsfoto: Tobias Kunz

Rethinking Liberalism Konferenz 2025:

Starke Impulse, offene Kontro­versen und produktive Diskurse setzten bei unserer Konferenz den Startschuss zum umfassenden, mehrjährigen Editionsprojekt „Vordenker der liberalen Moderne“. VertreterInnen aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft diskutierten in Berlin engagiert über Freiheit, Ordnung und Gemeinsinn und machten klar: Der Liberalismus bleibt ein lebendiges Gestaltungsprojekt, zu dem das Vordenker-Projekt einen wichtigen Beitrag leisten wird.

 

 

Eine Konferenz im Zeichen der Selbstbefragung

Die Veranstaltung im Rahmen der „Rethinking Liberalism“-Konferenz­reihe, war weit mehr als eine klassische Fachtagung: Sie stand ganz im Zeichen des Re-Thinkings, des Überdenkens und neu Denkens, eines bewussten Neu­anfangs zu einem mehrjährigen Prozess, in dem der Libera­lismus kritisch auf seine histo­rischen Wurzeln und Veranker­ungen befragt werden wird und zugleich weiter­entwickelt und zukunftsfähig gemacht werden soll.

„Die Notwendigkeit einer kritischen Selbst­reflexion und einer zeitgemäßen Aktuali­sierung des Libera­lismus liegt auf der Hand“, so Ralf Fücks (Zentrum Liberale Moderne) in seiner Eröffnungs­rede, in der er die politische Dringlich­keit der Debatte betonte: Ein „doppelter Druck“ laste auf liberalen Demo­kratien, die von innen durch popu­listische Bewe­gungen, von außen durch macht­bewusste Auto­kratien bedroht seien. Keineswegs dürfe das aber zu einer defensiven Haltung führen. Es gehe im Gegen­teil darum, den Libera­lismus als Gestaltungs­projekt neu zu behaupten und aktiv Ant­worten zu formulieren, „auf die großen Heraus­forde­rungen unserer Zeit – von Migration über Digitali­sierung bis Klima­wandel“.

Fotos: Tobias Kunz

Dafür setze die großangelegte Editionsreihe neue Impulse, die Konferenz sei „die Premiere eines ambitionierten Editionsprojekts zu den Vordenkern der liberalen Moderne, das sich bis 2029 erstrecken wird“. Acht wissenschaftliche Institutionen arbeiten in diesem Verbundprojekt zusammen – getragen von der Überzeugung, dass liberales Denken nur dann lebendig bleibt, wenn es seine eigene Tradition nicht nur zitiert, sondern kritisch überprüft und weiterdenkt.

Projektleiter Lars Feld (Walter Eucken Institut) griff den Faden in seiner Keynote mit der Frage auf, wie liberale Demokratien in einer Zeit geopolitischer Spannungen und sozialer Polarisierung wehrhaft sein könne. Feld erinnerte daran, dass der Liberalismus immer aus Offenheit, Vielfalt und individueller Entfaltung lebe und zugleich aber auf rechtsstaatliche Stabilität und faire ökonomische Rahmenbedingungen angewiesen sei. Er fragte danach, ob liberale Ordnungen ihr grundlegendes Versprechen heute noch einlösten: „Bietet ein solcher Staat den richtigen Rahmen für ein individuell definiertes Glück – und hält er das Versprechen des Wohlstands für alle?“

Dabei orientierte sich Feld an den Traditionen des Ordoliberalismus; Freiheit setze immer institutionelle Ordnung und Verlässlichkeit voraus: „Der Staat setzt den Regelrahmen – damit Individuen und Unternehmen frei handeln können.“ Erneuerung ist hier gedacht als Weiterentwicklung unter neuen Bedingungen und nicht etwa als Bruch mit dem Erbe.

Liberalismus neu denken

Wie produktiv offene Differenzen im liberalen Diskurs sein können, machte das Streitgespräch zwischen Karolina Wigura (Zentrum Liberale Moderne) und Thomas Biebricher (Universität Frankfurt) deutlich. Beide analysierten die Krise des Liberalismus aus unterschiedlichen theoretischen und historischen Perspektiven:

Biebricher warnte eindringlich vor einer Haltung intellektueller Selbstzufriedenheit. In einer Phase äußerer und innerer Bedrohung bestehe die eigentliche Gefahr darin, „zu selbstgewiss zu sein – so zu tun, als stünden die Antworten schon fest.“ Rethinking hieße, den liberalen Ideenbestand kritisch zu analysieren, um ihn weiterzuentwickeln“ Der Liberalismus, so seine Mahnung, verliere an Überzeugungskraft, wenn er sich auf überlieferte Gewissheiten zurückzieht, statt sich neuen Fragen zu stellen.

Wigura ergänzte diese Diagnose um eine ostmitteleuropäische Erfahrungsperspektive: Freiheit müsse hier immer im Schatten historischer Brüche, Traumata und Verlusterfahrungen gedacht werden. Sie betonte, dass Krisen zwar Momente möglicher Erneuerung, aber nie folgenlos seien: „Die Transformationen in Osteuropa sind doch ein riesiger Erfolg (…) Aber doch gibt es kein Erfolg ohne Kosten.“ Die Perspektive verlagerte sich damit weg von einem rein institutionellen Verständnis des Liberalismus hin zu Fragen von Emotion, Vertrauen, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung. Liberalismus erschien hier nicht allein als politisches System, sondern als kulturelle und moralische Ordnung, die immer wieder neu erzählt und begründet werden will.

„Man versteht, dass die Krise eine Chance ist,
aber nicht ohne Kosten.“

Karolina Wigura

Zentrum Liberale Moderne

Praxis, Verantwortung und der Raum des Gemeinsinns

Wie eng Theorie, politische Praxis und Alltagserfahrung miteinander verflochten sind, zeigte sich im Panel zu den aktuellen Heraus­forderungen der liberalen Demokratie: Franziska Brantner (Bündnis 90/Die Grünen) betonte die Bedeutung eines Liberalismus, der Eigen­verantwortung und Gemein­sinn zusammendenkt. „Eigen­verantwortung ohne Gemein­sinn“ reicht nicht aus, sagte sie, und beschrieb liberale Politik als eine Kultur des Anpackens, Mitgestaltens und Engage­ments, die weder blind auf den Staat noch ausschließlich auf Markt­mecha­nismen vertraue, sondern soziale Verant­wortung als Teil liberaler Identität verstehe.

Sabine Döring (Universität Tübingen / Zentrum Liberale Moderne) rückte eine dezidiert philosophische Perspektive in den Mittelpunkt und warnte davor, dass komplexe Schutz- und Regulierungssysteme unbeabsichtigt zu Einschränkungen individueller Selbstbestimmung führen können. Liberale Demokratien stünden heute vor der Aufgabe, Freiheit als Selbstbestimmung institutionell zu ermöglichen ohne in Paternalismus oder Technokratie zu verfallen. Bürokratie und Überregulierung seien damit nicht nur Verwaltungsfragen, sondern berührten unmittelbar das Selbstverständnis liberaler Gesellschaften und so wäre Bürokratieabbau „nicht einfach nur eine Frage des guten oder schlechten Handwerks (…),  sondern immanente Forderung des Liberalismus.“

Startschuss für das Editionsprojekt „Vordenker der liberalen Moderne“

Die Debatten und in den Diskussionen aufgeworfenen Fragen werden Teil des langfristig angelegten und bis 2029 reichenden Editionsprojektes „Vordenker der liberalen Moderne“ sein, für das die Konferenz den feierlichen Aufschlag lieferte: In diesem Verbund werden zentrale Denkerinnen und Denker der liberalen Moderne neu gelesen, kontextualisiert und in Beziehung zu den Heraus­forderungen der Gegenwart gesetzt. Ziel ist es, die liberalen Traditionen weder unkritisch zu bewahren noch vorschnell zu verlassen, sondern sie reflexiv zu öffnen und in gegenwärtige Debatten einzuspeisen.

Öffentliche Förderung wird dabei ausdrücklich als Verpflichtung verstanden. „Wir wollen mit diesem Projekt einen möglichst großen ideellen Gegen­wert liefern“, sagte Ralf Fücks – ein Satz mit program­matischem Charakter: Intellektuelle Arbeit und gesellschaftliche Verant­wortung werden zusammen gedacht.

Die Konferenz „Rethinking Liberalism 2025“ lud ein zu einem gemeinsamen, offenen Suchprozess. Sie machte deutlich: Liberalismus beruht auf einer lebendigen, dialogischen Tradition und einer politischen Kultur der Dialog- und Streitfähigkeit. Wir sind gespannt auf weitere Diskurse, Impulse und Erkenntnisse aus unserem Editionsprojekt und den sie begleitenden Konferenzen sowie darüber hinaus.