Beitragsfoto: Alexander Schwitteck

Der Liberalismus im Stresstest der ökologischen Krise

Am Donnerstag, dem 4. Dezember 2025, diskutierten im Zentrum Liberale Moderne in Berlin der Soziologe Prof. Dr. Philipp Staab (Humboldt-Universität zu Berlin) und Ralf Fücks (LibMod) über den Zustand des Liberalismus in Zeiten der Klimakrise. Moderiert wurde das Gespräch von Cordula Tutt (WirtschaftsWoche). Die Veranstaltung war Teil der Reihe „Der Liberalismus und seine Kritiker“ und stellte eine grundsätzliche Frage: Welche Rolle kann der Liberalismus noch spielen, wenn ökologische Transformation nicht als Aufbruch, sondern zunehmend als Belastung erlebt wird?

Staabs Diagnose: Legitimationskrise der Transformation

Staab knüpfte an sein Buch „Systemkrise – Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus“ an. Seine zentrale These lautet, dass ökologische Modernisierung und Liberalismus gleichzeitig in eine Krise geraten. Die Idee eines grünen Kapitalismus habe lange davon gelebt, Klimaschutz mit Wachstum, Innovation und Wohlstandsversprechen zu verbinden. Doch dieses Programm werde politisch brüchig. Staab betonte, dass die Klimakrise nicht mehr als fernes Risiko wahrgenommen werde, sondern als unmittelbare Bedrohung – verstärkt durch weitere Krisen wie Krieg, Pandemie und wirtschaftliche Unsicherheit. In der Folge entstehe gesellschaftliche Überforderung: An die Stelle von Aufbruch trete oft defensives Festhalten am Bestehenden. Transformationspolitik werde dadurch leichter angreifbar und könne populistisch zugespitzt werden, wie etwa in der Debatte um das Gebäudeenergiegesetz, das als „Heizhammer“ skandalisiert wurde. Modernisierung werde so selbst zum Konfliktstoff, weil ihr gesellschaftlicher Rückhalt abnimmt.

Fücks’ Gegenposition: Liberalismus als Ressource

Ralf Fücks hielt dagegen und verteidigte den liberalen Fortschrittsgedanken. Er argumentierte, dass liberale Demokratien besonders gute Voraussetzungen für ökologische Transformation bieten: Wissenschaft, offene Debatten, Unternehmertum und marktwirtschaftliche Dynamik seien zentrale Kräfte für Innovation. Entscheidend sei, Klimapolitik nicht als Verzichts- oder Moralisierungsprojekt zu erzählen, sondern als Gestaltung und verantwortliche Freiheit. Transformation müsse Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten eröffnen, statt vor allem Einschränkungen zu betonen. Für Fücks ist Zuversicht keine naive Haltung, sondern eine politische Aufgabe: Liberalismus dürfe nicht in eine Defensive geraten, sondern müsse den Anspruch erneuern, Zukunft aktiv gestalten zu können.


Die Diskussion machte deutlich, dass die Klimakrise auch eine politische und kulturelle Krise ist. Ob ökologische Modernisierung gelingt, hängt nicht nur von technischen Lösungen ab, sondern von gesellschaftlicher Zustimmung und überzeugender Legitimation. Staabs Krisendiagnose und Fücks’ Fortschrittsoptimismus standen dabei für zwei Perspektiven auf dieselbe Herausforderung: Wie kann Transformation demokratisch getragen werden – und wie kann Liberalismus unter ökologischen Krisenbedingungen erneuert werden?