Beitragsfoto: Tim Krieger

Demokratie und die offene Gesellschaft
Fachkonferenz am 8.–9. Dezember 2025, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Am 8. und 9. Dezember 2025 fand an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg die Fachkonferenz „Democracy and the Open Society“ im Rahmen des Verbundprojekts „Schriftenreihe Vordenker der liberalen Moderne“ statt. Die Konferenz diente der inhaltlichen Vorbereitung des Bandes zu Demokratie und der offenen Gesellschaft und knüpfte an die im Verbundprojekt angelegte Idee an, zentrale Denkerinnen und Denker der liberalen Moderne in interdisziplinären Formaten neu zu erschließen und für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen internationalen Krisenlage stand die Veranstaltung – ganz im Geist der Reihe – unter dem impliziten Leitmotiv „In Defence of Democracy and the Open Society“. Im Zentrum der zwei intensiven Tage stand damit nicht nur die philologische und systematische Rekonstruktion von Sir Karl R. Poppers (1902-1994) politischer Philosophie, sondern auch die Frage, wie seine Diagnosen von Autoritarismus, Tribalismus und Utopismus für heutige Demokratiedebatten fruchtbar gemacht werden können. Inhaltlich verband die Konferenz die Arbeit an zentralen Primärtexten mit der Diskussion eines Bandkonzepts und der Auswahl von Kernausschnitten für den geplanten Sammelband.

Der Auftakt am Montag begann mit der Einführung in das Gesamtprojekt sowie in die Zielsetzung des „Demokratie und die offene Gesellschaft“ betitelten Bandes. Daran schloss eine erste thematische Rahmung durch Malachi Haim Hacohen (Duke University) an, der Poppers Kritischen Rationalismus mit gegenwärtigen autoritären Versuchungen und der Wiederkehr anti-aufklärerischer Denkfiguren in Beziehung setzte. Diese Perspektive wurde unmittelbar durch eine textnahe Diskussion aus „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von 1945 vertieft, in der zentrale Argumentationslinien gegen „orakuläre Philosophie“ und gegen den Rückzug in geschlossene Weltbilder rekonstruiert wurden.

Ein zweiter Schwerpunkt des ersten Tages lag auf der Verbindung von Erkenntnistheorie, gesellschaftlicher Evolution und institutioneller Komplexität. David Harper (New York University) stellte dazu Überlegungen vor, die für die Struktur des Bandes besonders anregend waren. Die anschließende Textdiskussion zu Poppers Kritik des Historizismus und zu seinem Verständnis von Emanzipation durch Wissen führte in eine Debatte über die normative Reichweite kritischer Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie – und darüber, wie Offenheit als institutionell gerahmter Lernprozess gedacht werden kann.

Am Nachmittag rückten ethische und ordnungspolitische Konsequenzen von Poppers Denken stärker in den Vordergrund. Harald Stelzer (Universität Graz) diskutierte Poppers negative Utilitarismus-These und ihre Anschlussfähigkeit an suffizientaristische Gerechtigkeitsintuitionen. Die Textarbeit zum Text „Public and Private Values“ schärfte dabei die Frage, wie sich die Minimierung von Leid als moralischer Kompass in ein demokratisches Institutionengefüge übersetzen lässt, ohne in paternalistische oder technokratische Muster abzugleiten. Die Diskussionen setzten hier einen wichtigen Akzent für die weitere Konzeption des Bandes, ebenso wie die anschließende Textdiskussion zu Poppers ähnlich gelagerten Überlegungen zu schrittweiser gesellschaftlicher Reformpolitik sowie seiner Kritik des Utopismus (in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“). Sie vertiefte die Frage, wie demokratische Reformpolitik ambitioniert bleiben kann, ohne in perfektionistische oder gefährlich totalisierende Gesellschaftsentwürfe abzugleiten.

Der zweite Tag vertiefte die institutionentheoretische Dimension. Jeremy Shearmur (Australien National University), der von 1971 bis 1979 persönlicher Assistent von Karl Popper war, eröffnete eine Diskussion darüber, wie pluralistische Kritik, fallibles Expertenwissen und demokratische Machtkontrolle zusammenspielen müssen, wenn „Offenheit“ nicht nur als kulturelles Ideal, sondern als robuste politische Praxis verstanden werden soll. Die anschließenden Textdiskussionen zu Demokratie, Machtbegrenzung und Tribalismus (basierend auf „On democracy“ von 1988) machten deutlich, wie sehr Popper demokratische Qualität an Verfahren der Kontrolle von Herrschaft und an die gesellschaftliche Fähigkeit zur Selbstkorrektur bindet.

Ein besonderes inhaltliches und zugleich symbolisches Element war die Einführung in das Karl-Popper-Archiv an der Universität Klagenfurt durch Thomas Hainscho (Universität Klagenfurt), die nicht nur einen Einblick in die Materialbasis künftiger Popper-Forschung gab, sondern auch die editorische Perspektive des Bandprojekts auf anschauliche Weise unterstrich. Die abschließende Plenumsdiskussion bündelte die Beiträge in einer arbeitspraktischen Zielsetzung: zentrale Textpassagen zu definieren, thematische Linien zu priorisieren und ein Bandkonzept zu schärfen, das philosophische Grundlagen, institutionelle Fragen und gegenwartsbezogene Demokratiediagnosen systematisch miteinander verschränkt.

Wie schon die vorausgehenden Projektveranstaltungen zeigt auch dieser Workshop, dass die Schriftenreihe „Vordenker der liberalen Moderne“ vom produktiven Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen und Traditionen lebt. Die wohl wichtigste gemeinsame Einsicht der Freiburger Diskussionen lautete, dass Poppers Verteidigung der offenen Gesellschaft gerade dann überzeugend bleibt, wenn sie nicht als starre Doktrin, sondern als Methode politischer Selbstkorrektur verstanden wird: als Verbindung von kritischer Rationalität, institutioneller Machtbegrenzung und normativer Sensibilität für die realen Kosten politischer Irrtümer. In diesem Sinne setzte der Workshop einen wichtigen Akzent für den geplanten Band „Demokratie und die offene Gesellschaft“ und für das Gesamtprojekt.