Beitragsfoto: Ute Friederich

Braucht es heute noch den Ordoliberalismus?
Fachkonferenz am 10.–11. November 2025, Weltethos-Institut Tübingen

Am 10. und 11. November 2025 wurde am Weltethos-Institut in Tübingen die erste wissenschaftliche Fachtagung im Kontext des neu initiierten Editionsprojekts „Vordenker der liberalen Moderne“ veranstaltet. Die Veranstaltung wurde von dem Verbundpartner Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft e. V. (ASM) ausgerichtet und bildet den Startpunkt der Reihe an Fachkonferenzen, bei denen die Editionsbände und ihre Inhalte diskutiert werden.

Zentrale Fragen waren: Braucht es heute noch den Ordoliberalismus? Und: Sind seine Begründer für gegenwärtige gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Debatten weiterhin relevant?

Nach einer Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der ASM, Nils Goldschmidt und Daniel Nientiedt (Eucken Institut), die das Editionsprojekt und seine Zielsetzung einordneten, startete die Tagung mit einer lebendigen Vorstellungsrunde aller Teilnehmenden in Verbindung mit der Diskussion der programmatischen Gründungsschrift des Ordoliberalismus „Unsere Aufgabe – heute“. Dies diente als bewusste Selbstreflexion über den Anspruch des entstehenden Bandes zum Ordoliberalismus: Was bedeutet „Ordoliberalismus“ heute – und worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir über „Ordo“ reden?

Diese erste Session verdeutlichte, wie interdisziplinär die Teilnehmer der Konferenz aufgestellt waren: Vertreter der Theologie, Philosophie, Ökonomie, Rechts- und Politikwissenschaft, Geschichts- und Ideengeschichte kamen in einem Raum zusammen. Die Vielfalt der Perspektiven führte zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung darüber, ob ordoliberales Denken eher „zeitlos“ oder „aus der Zeit gefallen“ erscheint und wie wissenschaftstheoretisch tragfähig die Grundannahmen eigentlich sind.

Der Nachmittag begann mit zwei zentralen Fachvorträgen: Hermann Rauchenschwandtner (FH Salzburg) untersuchte die geschichtlichen und begrifflichen Wurzeln des ORDO-Begriffs. Er zeichnete die Nachwirkungen mittelalterlicher Ordnungsvorstellungen nach und problematisierte die Spannung zwischen „spontaner Ordnung“ und „ordnender Potenz“. In der anschließenden Diskussion standen die theoretische Belastung und die heutige Anwendbarkeit des Ordo-Begriffs im Mittelpunkt. Armin G. Wildfeuer widmete seinen Beitrag der Idee des Ordo im Denken Walter Euckens und zeigte auf, wie normative Ordnungsvorstellungen und ökonomische Systemfragen zusammenwirken.

Es folgte eine Reihe von kurzen Lektüreimpulsen eines „ordoliberalen Speedatings“, in denen ausgewählte Texte von Walter Eucken und Franz Böhm vorgestellt und hinsichtlich der Eignung für den Band diskutiert wurden. Beiträge von u. a. Bernd Villhauer, Lachezar Grudev, Jens-Hinrich Binder, Anselm Küsters und Christine Osterloh-Konrad boten vertiefende Einblicke in das Frühwerk des Ordoliberalismus.

Der zweite Konferenztag begann mit einem theologischen Schwerpunkt: Ursula Nothelle-Wildfeuer (Universität Freiburg) präsentierte die christlichen Wurzeln des ordoliberalen Denkens anhand des 1943 veröffentlichten Textes „Wirtschafts- und Sozialordnung. Der Beitrag eröffnete eine Debatte über den moralischen Rahmen ökonomischer Ordnung und die Frage, welche normativen Grundlagen eine freiheitliche Gesellschaft braucht.

Anschließend stellte Christopher Gohl (Weltethos-Institut) Böhms Schrift „Freiheit und Ordnung in der Marktwirtschaft“ (1961) vor und verknüpfte deren Freiheitsperspektive mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen etwa der Generationengerechtigkeit anhand der Gegenwartsbezug des Ordoliberalismus besonders hervortrat.

Beim „ordoliberalenSpeeddating“ folgten weitere Lektüreimpulse zu zentralen Texten Walter Euckens u. a. zu wirtschaftspolitischen Strukturkrisen, Kapitalismusdiagnosen und dem Ordnungsrahmen der Nachkriegszeit (mit Beiträgen von Christian E. Roques, Alexander Schwitteck, Daniel Nientiedt und Uwe Dathe). Ein wiederkehrendes Motiv der gesamten Tagung war die Aktualität der ordoliberalen Diagnose. Viele Herausforderungen der 1930er-Jahre – Kontrollverlust des Staates, Erosion gesellschaftlicher Ordnungen, ökonomische Unsicherheit, populistische Krisenreaktionen – finden sich heute in neuer Form wieder. Trotzdem wurden auch die Grenzen der Aktualisierung bewusst. Die Zeitgebundenheit der Texte und ihrer Autoren wurde an vielen Stellen deutlich.

Die wohl wichtigste gemeinsame Einsicht der Konferenz war, dass eine Relektüre ordoliberaler Texte wertvolle Impulse für aktuelle Debatten liefern kann, vorausgesetzt, man versteht Ordoliberalismus nicht als starres Dogma, sondern als geistige Haltung, die Freiheit, Ordnung und Verantwortung immer wieder neu zusammendenken muss.