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Der Liberalismus ist ein Phänomen des Westens. Er tritt in einem kulturellen Feld zum Vorschein, das durch das vom Judentum sich herleitende Christentum geprägt ist. Er ist somit Frucht des auf der Person begründeten Menschenbildes.
In der Kultur des Westens, die aus dem Hellenismus und dem jüdisch grundierten Christentum hervorgegangen ist, offenbart sich ein Gott, der den Menschen als Person erschafft – das heißt als Wesen, das über ein personales Gewissen und personale Freiheit verfügt. Die Freiheit der Person wird dabei aufgefasst als die „Handlungsmächtigkeit, etwas zu beginnen“, die Fähigkeit, über das eigene Leben Entscheidungen zu treffen und über die eigenen Begabungen zu verfügen.
All dies erscheint uns selbstverständlich. Doch die Idee der Person existiert in den anderen Kulturen nicht. Der Westen ist es, der die neuzeitliche Demokratie erfindet: zuerst in den Klöstern des Hl. Benedikt im 6. Jahrhundert, dann in den italienischen Städten des 11. und 12. Jahrhunderts, schließlich mit der englischen Magna Carta Libertatum von 1215. Im Westen wird die Kollektivhaftung abgeschafft, im Westen erhalten seit der Renaissance Mädchen genauso wie Jungen Erziehung und Bildung. Im Westen wird die weltweit verbreitete Sklaverei abgeschafft, die Frauen erleben die Emanzipation. All diese Maßnahmen – und viele andere – bekräftigen nachhaltig diese Anthropologie der Person, dieses Bild vom Menschen als freier Person.
So lässt es sich begreifen, warum gerade in dieser Wiege und nicht irgendwo sonst der ökonomische, politische und moralische Liberalismus entsteht (vom Liberalismus als Wirtschaftsordnung will ich hier nicht sprechen – dafür bin ich fachlich auch nicht zuständig). Aber die Frage, die sich uns heute stellt, lautet: Wie lassen sich die gegenwärtigen hemmungslosen Grenzüberschreitungen des Liberalismus in Politik und Moral erklären? Oder anders gesagt: Was ist da eigentlich mit uns passiert?
Freiheit übersetzt eine Handlungsmächtigkeit. Sie heißt: „ich kann entscheiden, wofür ich Verantwortung trage“. Denn jede Entscheidung zeitigt Folgen – die Freiheit der Handlung schließt die Verantwortung für die Folgen dieser Handlung ein.
Das bedeutet aber auch: Es gibt keine Freiheit ohne die Idee ihrer zugleich hingenommenen und hinzunehmenden Schranken. In ihrem Ursprung beruht Freiheit also auf klar bestimmten Grundlagen und geht mit Bedingungen einher. Eben die Geltung dieser Grundlagen wird nun aber zunehmend von der postmodernen Grundhaltung bestritten. Die personal gefasste Freiheit wird dadurch ihres Wesenskerns beraubt.
Die christlichen Gesellschaften, die den Geltungsbereich der Freiheit weithin ausbreiten, tun dies zunächst innerhalb der Grenzen des Naturrechts, wie es durch die Kirche bestimmt wird. Freiheit auszuüben, bedeutet dabei nicht, sich von den Gesetzen der Natur und den grundlegenden Gesetzen der Moral loszusagen.
Mit der neuzeitlichen Säkularisierung findet sich die Freiheit des Menschen plötzlich einer weit klaffenden Leere ausgesetzt. Alle Grenzen der Freiheitsentfaltung waren zuvor durch die Religion gesetzt. Nun aber ist alles möglich. Das erklärt all die seit der Zeit der Revolutionen unternommenen Versuche, das Naturrecht ohne religiöse, freiheitsbeschränkende Grundlegung neu zu bestimmen. Alle Theorien des „natürlichen Urteilsvermögens“ – von der schottischen Common-sense-Philosophie bis hin zum Pragmatismus in Amerika – zielen genau darauf. Doch diese neuen Grenzen können nicht dieselbe Gewissheit vermitteln wie das von Religion vorgetragene Naturrecht, das auf starken Glaubensüberzeugungen beruhte.
Die natürlichen und moralischen Gesetze, die die Freiheit einhegen sollten, schweben heute gewissermaßen frei im Raum – und werden oft schlechterdings bestritten.
Der deutsche Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat dies in seinem berühmten Diktum über den Staat der Neuzeit so formuliert: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Folglich, so sagt er, begibt sich der freiheitliche Staat in ein Wagnis mit ungewissem Ausgang hinein: Der säkularisierte freiheitliche Staat weiß nicht, wohin er treibt, weil für ihn die Freiheit keine Schranken mehr anerkennt. Ohne ein Weltbild, das ihr Form und Gestalt gibt, findet sich die Freiheit haltlos hin- und hergetrieben.
Jede in Freiheit vollführte Handlung verlangt nach einer vorgängigen Prüfung ihrer moralischen und gesellschaftlichen Folgen. Darum lautet die klassische Definition von Freiheit: „die Möglichkeit darüber zu entscheiden, wofür ich Verantwortung übernehmen werde“.
Die postmoderne Freiheit hingegen entspricht jener der Revolutionäre von 1789: „Meine Freiheit endet dort, wo die des anderen beginnt.“ Diese Aussage bestimmt Freiheit als sich selbst bewegende träge Masse – als eine Macht, die nur dort innehält, wo sie auf ein Hemmnis, eben das Hindernis der Freiheit des anderen stößt. Eine Kraft also, die sich selbst keinerlei Grenzen setzt, sondern nur wartet, durch die Freiheit des anderen ausgebremst zu werden.
Die heutigen gesellschaftlichen Reformen werden allein von dieser Auffassung der Freiheit getrieben – einer wild wütenden Kraft, die sich niemals um die Folgen des eigenen Handelns kümmert.
Ich würde sagen, wir treten eben mit Mühe aus einer Epoche des Nihilismus heraus (und ich benutze dieses Wort mit der Vorsicht eines Bombenentschärfers), in der unsere Zeitgenossen glaubten, dass alles möglich sei, dass wir nicht nur Herkommen und Tradition, sondern auch die Tiefenschichten unserer menschlichen Grundverfasstheit umwühlen dürften. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mussten wir uns sogar Argumente zur Verteidigung des Inzests anhören. Dieselbe in den Wahnsinn abgedriftete Freiheit zeigt sich auch in der Wirtschaft, wo die Gehälter an der Spitze geradezu verrückte Höhen erreicht haben.
Wenn wir die Freiheit, die uns unsere Kultur geschenkt hat, nicht ihres Wesenskerns berauben wollen, müssen wir über Grenzen nachdenken. Zwei Beispiele: Jürgen Habermas argumentiert, menschliches Klonen sei nicht wünschenswert, weil geklonte Wesen ihre biologische Identität einem menschlichen Wollen verdanken würden und nicht dem Zufall der Gene – und daher ihre Freiheit verlören. Oder die aktuellen Debatten in Frankreich über das Gesetz zur „indirekten Beihilfe zum Suizid“: Kommentatoren beschreiben hier eine künftige Gesellschaft, in der die Schwächsten von anderen zum Suizid gedrängt würden.
Die einzige Alternative bestünde heute darin, sich der Notwendigkeit der Schranken der Freiheit bewusst zu werden und sie auch unablässig zu ermitteln. Der postmoderne Mensch im westlichen Sinne müsste sich – gerade, weil er frei ist – ständig fragen, wo die immanenten moralischen Geltungsansprüche seiner Handlungen liegen. Das setzt voraus, über die Folgen seines Tuns nachzudenken und sie stets im Auge zu behalten, in vorsichtigem Abwägen, vor allem aber, die Folgen freier Handlungen in ihrer Gesamtheit zu bedenken, statt kopfüber in die Freiheit – was auch immer sie sein mag – hineinzuhechten. Alle gesellschaftlichen Reformen wären in dieser Weise zu überdenken. Das postmoderne Individuum muss ein besonnener Landvermesser der ihm selbst gesetzten Grenzen werden. Anders gesagt: Es kann keine Freiheit ohne Ethik in individueller und gesellschaftlicher Hinsicht geben.
Die rapide Kernschmelze der christlichen Ethik hat ein Vakuum und eine Fülle an Fragen erzeugt. Unsere Zeitgenossen haben sich mittlerweile auf die Suche nach einer natürlichen Ethik gemacht, einer Ethik, die überall gefunden werden kann – wie sie etwa beispielsweise C.S. Lewis in der Abschaffung des Menschen beschreibt: das Aufspüren von offensichtlichen fundamentalen, allgemein anzuerkennenden moralischen Geboten. Oft wird die rein ergebnisorientierte Ethik – also die Beurteilung von Gut und Böse nur anhand der Folgen einer Tat – als lebensnotwendige Mindestanforderung nahegelegt. Man lehnt gemäß einer solchen Ethik letztlich eine Handlungsweise ab, wenn man ehrlich genug ist, ihre schädlichen Folgen einzugestehen; man denke etwa an die jüngsten Kehrtwenden in mehreren Ländern zum Thema Geschlechtsumwandlung bei Minderjährigen.
Zugleich erleben wir eine Rückkehr des anthropologischen Denkens, das sich nicht mehr auf das vom Christentum beschriebene Naturrecht stützt, sondern auf ein phänomenologisch begründetes Menschenbild, also die genaue Beschreibung dessen, was uns als Erscheinung vor Augen tritt. Diese philosophische Anthropologie könnte dabei helfen, eine gemeinsam anzuerkennende Ethik zu begründen. Und genau eine solche Ethik tut uns heute wahrhaft not.
Aus dem Französischen übersetzt von Johannes Hampel
von Chantal Delsol
Chantal Delsol ist eine französische Historikerin, Philosophin und Schriftstellerin. Sie ist Professorin für Philosophie an der Universität Marne-La-Vallée.
