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Um die Frage zu beantworten, ob der Libera­lismus an sein Ende gelangt ist oder ob er erneuert werden kann, müssen wir zunächst klären, worüber wir sprechen. Libera­lismus lässt sich nicht sinnvoll auf ein einzelnes Merk­mal reduzieren; er ist weder nur eine Staats­form noch eine bestimmte politische Ideologie. Ich verstehe ihn vielmehr in einem weiten Sinn – als liberale Kultur, als Ensemble theoretischer und praktischer Ausdrucks­formen mensch­lichen Handelns, das sich jeder verein­fachenden Eng­führung entzieht.

Eine hilfreiche Grundlage bietet Isaiah Berlin. Für ihn rückt der Liberalismus den Wertepluralismus ins Zentrum: Menschen glauben an unterschiedliche, oft miteinander in Konflikt stehende Werte, die sich nicht in ein harmonisches, ideales System überführen lassen. Daraus entsteht eine Welt­anschau­ung, die Unsicher­heit und Wert­konflikte akzeptiert und Toleranz als Orientierungs­praxis begreift.

Ergänzen lässt sich dieses Verständnis um die Einsicht, dass Libera­lismus auch die Ambiva­lenz menschlicher Emotionen anerkennt – Reaktionen auf eine sich wandelnde, nicht immer wohl­wollende Umwelt. Er ist skeptisch, vorsichtig, aber zugleich hoffnungs­voll und schließt die Möglich­keit eines friedlichen modus vivendi nicht aus.

Porträt Karolina Wigura

von Karolina Wigura

Karolina Wigura ist Ideenhistorikerin, Soziologin und Journalistin. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Kultura Liberalna mit Sitz in Warschau und Senior Fellow des Zentrum Liberale Moderne.

Eine verwandte Perspektive bietet Leszek Kołakowski, der – geprägt von den Erfahrungen zweier Totalitarismen – ein Bild des europäischen Liberalen entwirft, der Pluralismus wertschätzt und aus Skepsis heraus den Weg der Mitte sucht. Symbolisch verdichtet sich dies in seinem berühmten Essay Wie man ein konservativ-liberaler Sozialist sein kann.

In einem zweiten Schritt lässt sich der Liberalismus auch im Rückgriff auf Thomas Hobbes verstehen – einen Denker, der zwar häufig als Protoliberaler gilt, dessen Verhältnis zum Liberalismus aber ambivalent bleibt. Hobbes beschreibt, wie Menschen aus der Erfahrung von Revolution und Gewalt heraus die Einsicht gewinnen, dem Zustand des Krieges aller gegen alle zu entfliehen und einen Staat zu errichten, der Stabilität garantiert. Das protoliberale Moment liegt in seiner Überzeugung von der Handlungsfähigkeit des Individuums; zugleich führt diese Stabilität bei ihm zu einer Form des Despotismus. Entscheidend ist jedoch der Gedanke, dass die Flucht aus Gewalt in Ordnung und Sicherheit der Grundimpuls politischer Vergesellschaftung ist. In diesem Sinne lässt sich sagen: Die Nachkriegsordnung Europas war ein hobbesisch inspirierter Liberalismus – eine friedliche Antwort auf die Katastrophen von Krieg, Vernichtung und Demokratienzerfall.

Vor diesem Hintergrund stellt sich erneut die Frage: Ist der Liberalismus am Ende?

Im ersten Sinn – als liberale Kultur – ist er nicht verschwunden, befindet sich aber in einer tiefen Krise. Berlin verteidigte Individualismus, Empirismus und Pluralismus gegen Kollektivismus, Holismus und monistische Wahrheitsansprüche. Heute hingegen sehen wir weltweit eine wachsende politische Polarisierung und eine Tendenz zu vereinfachenden, manichäischen Weltbildern. Der Liberalismus wird von Teilen des politischen Spektrums als zerstörerische Kraft diffamiert, die traditionelle Werte, soziale Kohärenz und nationale Souveränität bedrohe.

Im zweiten Sinn – im hobbesischen Sinn eines Projekts politischer Stabilität als Antwort auf Gewalt – scheint der Liberalismus jedoch tatsächlich an ein Ende gelangt zu sein. Hobbes beschrieb den Menschen nicht als böse, sondern als leidenschaftlich und vergesslich: Er vergesse leicht, warum er Ordnungen geschaffen habe, und werde so erneut empfänglich für revolutionäre Impulse. Genau so lassen sich die heutigen populistischen Bewegungen verstehen – von den USA über Deutschland bis nach Brasilien, Warschau oder Budapest. Unsere Gesellschaften haben emotional vergessen, warum die Nachkriegsordnung aufgebaut wurde; gerade deshalb erscheint deren Infragestellung vielen plausibel und authentisch.

Lässt sich der Liberalismus erneuern?

Aus ideengeschichtlicher Perspektive gibt es Grund zur Hoffnung. Die Geschichte westlicher Denktraditionen verläuft nicht linear, sondern zyklisch: Krisen treten wiederkehrend auf – und wurden ebenso wiederkehrend überwunden. Immer wieder trat der Liberalismus als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen hervor: auf Fragen politischer Repräsentation, des entstehenden Kapitalismus, sozialer Ungleichheiten oder der Exklusion ganzer Gruppen. Der von George Orwell beschriebene „katastrophische Gradualismus“, der Geschichte ausschließlich als Abfolge von Niedergängen begreift, erweist sich vor diesem Hintergrund als irreführend. Der Liberalismus hat sich bereits mehrfach erneuert – und kann es erneut tun.

Doch diese Erkenntnis ist nicht beruhigend. Auch nach 1945 erfolgte Erneuerung um einen hohen Preis. Ob die Gegenwart ähnliche Kosten verlangen wird, bleibt offen. Umso dringlicher ist die Frage, was wir heute tun können, um den Liberalismus zu stärken. Drei Handlungsfelder erscheinen zentral.

Erstens: Wir müssen Pluralismus und weltanschauliche Konkurrenz erneuern – gegen Verflachung, Kollektivismus und digitale Echokammern. Bedrohungen entstehen sowohl aus antipluralistischen Ideologien wie der MAGA-Bewegung als auch aus der Logik sozialer Medien, die Radikalisierung verstärken. Regulierung allein wird nicht genügen; es braucht zugleich intellektuelle und zivilgesellschaftliche Bewegungen, die Pluralismus bewusst verteidigen.

Zweitens: Die aktuelle Krise ist auch eine Krise der Repräsentation. In einer Welt, in der Influencer mehr Reichweite besitzen als erfahrene Staatslenker, geraten die Institutionen der Nachkriegsdemokratie unter Druck. Wir müssen neu darüber nachdenken, wie politische Teilhabe erweitert werden kann, ohne die langfristig aufgebaute Ordnung zu zerstören.

Drittens schließlich bedarf es einer kritischen Reflexion des Kapitalismus – jener Kraft, die liberal-demokratische Gesellschaften prägt und zugleich autoritäre Systeme zu stützen vermag. Besonders deutlich wird dies in der engen Verzahnung wirtschaftlicher Macht und politischer Einflussnahme. Wenn Demokratie und Liberalismus erneuerbar sind, dann gilt dies auch für den Kapitalismus: Er muss wieder als Kraft der Innovation und der sozialen Verantwortung gedacht werden – nicht als Motor von Ungleichheit und autoritären Tendenzen.

Der Liberalismus steht damit nicht vor einem einfachen Ende, sondern vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Seine Zukunft hängt davon ab, ob wir bereit sind, Pluralismus zu verteidigen, Repräsentation neu zu denken und wirtschaftliche Ordnungen im Sinne demokratischer Freiheit zu gestalten.